Die Zahlen kursieren seit Wochen: Die deutschen Gasspeicher liegen deutlich unter dem Niveau der Vorjahre, und Portale wie Nius berichten unter der Überschrift „Gasmangellage Deutschland“ bereits über eine drohende Versorgungskrise. Apollo News warnt, der Maschinenbau schlage wegen eines möglichen Gasmangels im kommenden Winter Alarm. Und EIKE geht in einem Beitrag von Fritz Vahrenholt noch weiter: Die Lage sei „selbstverschuldet“ – eine direkte Folge des politischen Kurses gegenüber Russland.
Kommentar von Dr. Karin Lindenberg, Energiepolitisches Institut der Alternative
Ich gestehe: Wenn ich mir die aktuellen Füllstände anschaue, kann ich die Nervosität zunächst nachvollziehen. Wenn man hier nun wirklich auf Gas setzen will, dann könnte man auf den ersten Blick meinen, man müsse mit dem Gehampel aufhören und eine Partnerschaft mit Russland neu ins Auge fassen, um sich diese Zitterpartie jeden Sommer zu ersparen. Das wäre die bequeme Schlussfolgerung. Sie hält aber einer genaueren Prüfung nicht stand – aus drei Gründen.
Erstens: Es gibt aktuell keine reale Gasmangellage. Der Füllstand lag Anfang September 2026 bei rund 53 Prozent und steigt in der laufenden Einspeichersaison kontinuierlich weiter. Ja, das liegt spürbar unter den Vorjahreswerten (2024: rund 95 Prozent, 2025: rund 71 Prozent) – aber die Bundesnetzagentur bewertet die Versorgungslage weiterhin durchgehend als „stabil“ und sieht lediglich die niedrigste Warnstufe des Notfallplans Gas als erreicht, nicht etwa eine Alarm- oder Notfallstufe. Der Grund für die niedrigeren Füllstände ist zudem banal: Bei den aktuellen Marktpreisen lohnt sich die Einspeicherung für Unternehmen wirtschaftlich weniger als in den Vorjahren – ein Preis-, kein Versorgungsproblem. Die Industrievereinigung INES warnt zwar vor Risiken in einem außergewöhnlich kalten Winter, stuft aber auch das Basisszenario als beherrschbar ein.
Zweitens: Eine neue Partnerschaft mit Russland ist aktuell schlicht abstrus. Das hat nichts mit „Gehampel“ zu tun, sondern mit Fakten, die sich nicht wegdiskutieren lassen: Die zentralen Pipelines (Nord Stream 1 und 2) sind seit den Explosionen 2022 nicht betriebsbereit, die EU hat den vollständigen Ausstieg aus russischen Erdgasimporten bereits fest für 2027 beschlossen, und die Bundesnetzagentur hält diesen Schritt ausdrücklich für kompensierbar – unter anderem durch die neuen LNG-Terminals, über die inzwischen ein Großteil des deutschen Flüssiggases importiert wird, sowie durch zusätzliche Pipeline-Kapazitäten aus Norwegen. Eine „Wiederaufnahme der Gespräche“ würde aktuell an genau dieser politischen, rechtlichen und infrastrukturellen Realität scheitern, unabhängig davon, wie man selbst dazu steht.
Drittens: Alle vorliegenden Daten zeigen in eine andere Richtung – weg von fossiler Abhängigkeit insgesamt. Der Erdgasverbrauch in Deutschland ist über mehrere Jahre rückläufig, die LNG-Diversifizierung läuft, und laut einer aktuellen Analyse ließen sich mögliche Engpässe im kommenden Winter durch zusätzliche Pipeline-Importe, LNG-Beschaffung und Nachfragereduktion in Industrie und Haushalten auffangen – ganz ohne neue Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferanten. Die eigentliche Lehre aus der aktuellen Lage ist also nicht „zurück zu Russland“, sondern: Diversifizierung und der Ausbau einer Versorgung jenseits fossiler Quellen sind genau der richtige Weg, um solche jährlichen Zitterpartien künftig zu vermeiden.
Quellen: NDR, „Gasspeicher in Deutschland: So steht es um die Füllstände“; Bundesnetzagentur, aktuelle Lageeinschätzung Gasversorgung; Initiative Energien Speichern (INES), Winterprognose 2026/27; zudem eingeordnet: Nius („Gasmangellage Deutschland“), Apollo News („Versorgungsengpässe im kommenden Winter: Maschinenbau warnt vor Gasmangel“), EIKE („Die selbstverschuldete Gasmangellage“, Fritz Vahrenholt, Juli 2026)

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