Klima-Metastudie

Klima-Fakten im Härtetest: Die große Metastudie

Eine Bestandsaufnahme von Dr. Karin Lindenberg, Energiepolitisches Institut der Alternative

Kaum ein Thema wird in den vergangenen Monaten so kontrovers diskutiert wie der Klimawandel und seine tatsächlichen Ausmaße. Portale wie EIKE, Tichys Einblick, Nius, Apollo News und die Bild-Zeitung veröffentlichen regelmäßig Berichte, die den wissenschaftlichen Mainstream infrage stellen: mal ist es eine zurückgezogene Studie, mal ein wachsender Gletscher, mal ein offizieller Regierungsbericht, der angeblich alles auf den Kopf stellt. Für viele Leser klingt das zunächst plausibel – schließlich berufen sich diese Portale auf echte Ereignisse, echte Institutionen, echte Zahlen. Wir haben uns die zwölf meistdiskutierten Behauptungen der letzten Monate im Detail angesehen und sie mit dem tatsächlichen Stand der Forschung abgeglichen. Das Ergebnis ist eindeutig – und stellenweise überraschend, wie hartnäckig sich manche Behauptungen halten, obwohl ihre eigenen Urheber die Kritikpunkte längst kennen.

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1. EIKE: „CO2 ist nicht die Hauptursache der Erwärmung“

Die Behauptung: Historische Warmzeiten zeigten, dass die Temperatur schon anstieg, bevor der CO2-Gehalt zunahm – ein Beweis, dass CO2 keine entscheidende Rolle spielt.

Kommentar Dr. Lindenberg: Der zeitliche Vorlauf ist real und in der Wissenschaft seit Jahrzehnten bekannt – hier wird nichts erfunden. Entscheidend ist aber der Unterschied zwischen Auslöser und Verstärker: In vergangenen Erdzeitaltern lösten Schwankungen der Erdumlaufbahn (Milanković-Zyklen) die Erwärmung aus, das anschließend freigesetzte CO2 wirkte als Verstärker – über 90 Prozent der damaligen Erwärmung fand erst danach statt. Die heutige Erwärmung verläuft zu schnell, um durch Erdbahnparameter erklärt zu werden, die aktuell eher auf Abkühlung hindeuten würden. Wer daraus schließt, CO2 spiele keine Rolle, verwechselt Auslöser mit Verstärker.

Quelle: Helmholtz Klima, Faktencheck „Der CO2-Anstieg ist nicht Ursache, sondern Folge des Klimawandels“

Behauptung: CO2 ist Hauptauslöser der Erwärmung. Fakt: Auslöser vs. Verstärker

2. EIKE beruft sich auf den US-Energieministeriums-„Klimabericht“ 2025

Die Behauptung: Eine „kritische Überprüfung“ des US-Energieministeriums aus dem Jahr 2025 zeige, dass es keine ausreichenden Beweise für eine ungewöhnliche globale Erwärmung gebe.

Kommentar Dr. Lindenberg: Der Bericht existiert tatsächlich – veröffentlicht am 29. Juli 2025 von einer fünfköpfigen „Climate Working Group“, die der US-Energieminister persönlich auswählte, darunter zwei Wissenschaftler mit dokumentierten Verbindungen zum klimaskeptischen Heartland Institute. Über 85 Klimaforscher:innen, koordiniert unter anderem von der Rutgers University, veröffentlichten eine 450-seitige Gegenprüfung: Der Bericht sei „biased, full of errors, and not fit to inform policymaking“, durchlief kein reguläres Peer-Review und wurde unter Ausschluss der Fachöffentlichkeit erstellt. Eine der zitierten Forscherinnen, Dr. Bor-Ting Jong von der Vrije Universiteit Amsterdam, bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP direkt, dass ihre eigene Studie im Bericht falsch dargestellt wurde. Interne E-Mails, aufgedeckt von POLITICOs E&E News, zeigen zudem, dass politische Vorgaben der Regierung den Bericht mitgeprägt haben, um eine bestimmte regulatorische Entscheidung zu stützen.

Quelle: Climate Experts‘ Review of the DOE Climate Working Group Report (Dessler & Kopp, Hrsg., 2025); AFP/phys.org; ABC News

Grafik: Behauptung EIKE zum US-Energieministeriumsbericht 2025 vs Fakt - 5 vs 85+ Wissenschaftler

3. Tichys Einblick: „Kritische Windkraft-Studie zensiert“

Die Behauptung: Eine unbequeme Studie zum Windatlas Baden-Württemberg wurde 2023 zurückgezogen – eine gezielte Kampagne gegen unliebsame Forschung.

Kommentar Dr. Lindenberg: Die Rücknahme-Erklärung des Verlags Springer Nature nennt zwei konkrete, fachliche Gründe: Ein nachträgliches Peer-Review befand die Methodik für unzuverlässig, und zwei der drei Autoren hatten nicht deklarierte Interessenkonflikte – einer war Vorstandsmitglied einer windkraftkritischen Lobbyorganisation, der andere Mitglied einer entsprechenden Bürgerinitiative. Das ist etwas anderes als Zensur unbequemer Wahrheit.

Grafik: Behauptung Tichys Einblick Windatlas-Studie zensiert vs Fakt Methodikfehler und Interessenkonflikt

Quelle: Springer Nature, Retraction Note „Der Windatlas Baden-Württemberg 2019 im Realitätscheck“


4. Tichys Einblick: Neue schwedische Studie zu Windkraft-Infraschall

Die Behauptung: Eine aktuelle schwedische Studie zeige, dass Infraschall von Windrädern bis zu 90 Kilometer weit gesundheitsschädlich wirken könne – bisherige Forschung habe das unterschätzt.

Kommentar Dr. Lindenberg: Außergewöhnliche Befunde brauchen außergewöhnlich gute Belege – unabhängige Messungen, Reproduzierbarkeit, sauberes Peer-Review. Genau daran haperte es bei früheren Infraschall-Warnungen wiederholt, wie das Faktencheck-Format „Science Cops“ von Quarks mehrfach gezeigt hat: Studien aus völlig anderen Kontexten wurden übertragen, physikalisch nicht haltbare Wirkmechanismen unterstellt. Eine einzelne neue Studie ist ein Anlass für weitere Forschung, kein Beweis.

Quelle: Quarks, „Science Cops“ – Faktencheck Infraschall und Windkraft

Behauptung: schwedische Studie zeigt Infraschall-Gefahr bis 90 km. Fakt: Peer-Review ausstehend

5. Nius: „Dunkelflaute bedroht Versorgungssicherheit“

Die Behauptung: Ohne verlässliche Grundlast drohen bei Dunkelflauten Blackouts und Industrieabschaltungen.

Kommentar Dr. Lindenberg: Die Bundesnetzagentur hat dazu Zahlen vorgelegt: Allein im Winter 2024/25 gab es drei Dunkelflauten – ohne Versorgungsprobleme. Deutschland deckte Anfang 2025 rund 94 Prozent seines Strombedarfs selbst, nur 6 Prozent kamen aus Importen. Ein reales Phänomen wird hier zu einem Risiko hochstilisiert, das laut der zuständigen Behörde aktuell nicht besteht.

Quelle: Bundesnetzagentur, Insight Blog „Dunkelflaute? Kein Grund zur Panik“

Behauptung: Dunkelflaute führt zu Stromausfällen. Fakt: keine Versorgungsprobleme in Deutschland

6. Nius: Spanien-Blackout als Beweis gegen Erneuerbare

Die Behauptung: Der Blackout auf der iberischen Halbinsel im April 2025 zeige, dass zu viel wetterabhängiger Strom das Netz destabilisiert.

Kommentar Dr. Lindenberg: Der Untersuchungsbericht des europäischen Übertragungsnetzbetreiber-Verbands ENTSO-E zeichnet ein anderes Bild: Ursache war eine Kaskade technischer Spannungsprobleme im Netz, nicht der Anteil erneuerbarer Energien an sich. Nur zwölf Tage vor dem Ausfall hatte Spanien stundenlang seinen gesamten Strombedarf aus Erneuerbaren gedeckt, ganz ohne Probleme.

Quelle: ENTSO-E-Faktenbericht zum Blackout auf der Iberischen Halbinsel, 28. April 2025

Behauptung: Spanien-Blackout durch zu viel grünen Strom. Fakt: Fehler im herkömmlichen Netz

7. Apollo News: „3.100 wachsende Gletscher widerlegen die Erwärmung“

Die Behauptung: Forscher hätten weltweit über 3.100 wachsende Gletscher identifiziert – ein Widerspruch zur These des globalen Gletscherschwunds.

Kommentar Dr. Lindenberg: Die zugrunde liegende Forschung ist real, betrifft aber ein spezifisches Phänomen: sogenannte „Surge-Gletscher“, die periodisch Eis ansammeln und dann abrupt vorstoßen – ein lokaler Mechanismus, kein Beleg gegen den globalen Trend. Die globale Massenbilanz der Gletscher ist trotz einzelner wachsender Ausnahmen eindeutig negativ, wie Langzeitmessungen des World Glacier Monitoring Service zeigen. Eine Ausnahme widerlegt keinen globalen Trend.

Quelle: World Glacier Monitoring Service, globale Massenbilanz-Statistik

Behauptung: 3100 wachsende Gletscher widerlegen die Erwärmung. Fakt: lokale Ausnahmen, globaler Trend negativ

8. Apollo News: Waldbrand-„Panikmache“

Die Behauptung: Da fast alle Waldbrände von Menschen entzündet werden, sei die Verbindung zum Klimawandel Panikmache.

Kommentar Dr. Lindenberg: Dass Menschen die meisten Brände entzünden, ist unstrittig – nur beschreibt die Zündung nicht, was danach passiert. Über das Clausius-Clapeyron-Gesetz trocknen Böden und Vegetation bei höheren Temperaturen schneller aus, wodurch sich Feuer aggressiver ausbreiten. Der Klimawandel legt kein Feuer, entscheidet aber zunehmend darüber, ob aus einem Funken ein Flächenbrand wird.

Quelle: Cleanthinking-Faktencheck mit Wetterexperte Jörg Kachelmann, August 2026


Behauptung: Waldbrand-Panikmache. Fakt: Klimawandel als Verstärker der Ausbreitung

9. Bild: Alte Hitze-Schlagzeilen „widerlegen“ den Klimawandel

Die Behauptung: Schlagzeilen wie „56 Grad! Ganz Deutschland ein Brutofen!“ (1957) zeigten, dass es früher schon genauso heiß war.

Kommentar Dr. Lindenberg: Die Schlagzeilen sind echt, aber irreführend eingesetzt: Die „56 Grad“ von 1957 wurden nicht in der Luft gemessen, sondern im Inneren eines Uhrengehäuses am Bahnhof Wanne-Eickel – das steht im Originalartikel selbst. Einzelne historische Extremmesswerte, oft methodisch fragwürdig, sind kein geeigneter Gegenbeweis zu einem über Jahrzehnte gemessenen globalen Erwärmungstrend.

Quelle: ZDFheute-Faktencheck, Juni 2026

Behauptung: Alte Bild-Schlagzeilen widerlegen Klimawandel. Fakt: Messfehler in der Vergangenheit

10. Bild: „Prognosen völlig falsch“ nach IPCC-Szenario-Revision

Die Behauptung: Der Weltklimarat habe sein schlimmstes Angst-Szenario zurückgezogen – ein Eingeständnis, dass die bisherigen Klimaprognosen falsch waren.

Kommentar Dr. Lindenberg: Zurückgezogen wurde ein einzelnes Extremszenario (RCP8.5), das ohnehin nie als wahrscheinlichste Prognose galt, sondern als „worst case“ für den Fall ungebremsten Emissionswachstums – ein Fall, der wegen der tatsächlichen Emissionsentwicklung unrealistisch geworden ist. Das ist eine Korrektur der Annahmen, keine Widerlegung der Erwärmung selbst, die in allen verbleibenden Szenarien weiterhin stattfindet.

Behauptung: Prognosen völlig falsch. Fakt: nur Extremszenario RCP8.5 zurückgezogen, Erwärmungstrends bleiben

Quelle: Klimaforscher-Einordnungen zur RCP8.5-Debatte, Mai/Juni 2026


11. Aktuell: Superzellen-Unwetter in Frankreich

Das Ereignis: Ende August 2026 zogen schwere Superzellen mit bis zu 8 cm großem Hagel und Böen bis 142 km/h über Frankreich, mit massiven Sachschäden im Großraum Paris und in der Bourgogne-Franche-Comté.

Kommentar Dr. Lindenberg: Ein einzelnes Unwetterereignis lässt sich nie monokausal dem Klimawandel zuschreiben – das wäre unseriös. Was die Attributionsforschung (u. a. World Weather Attribution) aber zeigt: Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit speichern, was die Intensität einzelner Unwetterzellen begünstigt. Einzelereignis und langfristiger Trend sind zwei verschiedene Fragen – seriöse Klimaforschung vermischt beide nicht.

Quelle: Deutscher Wetterdienst, Météo-France, World Weather Attribution

Superzellen-Unwetter in Frankreich: Attribution ja, Monokausalität nein

12. EIKE: „Kein beschleunigter Meeresspiegelanstieg“

Die Behauptung: Eine 2025 im „Journal of Marine Science and Engineering“ veröffentlichte Studie zeige, dass an 95 Prozent der weltweiten Messstationen keine Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs feststellbar sei.

Kommentar Dr. Lindenberg: Einzelne Pegelmessstationen an Küsten unterliegen vielen lokalen Störfaktoren (Landhebung, -senkung, Gezeiten), die eine Beschleunigung dort verdecken können. Die globale Satelliten-Altimetrie von NASA und NOAA, die diese lokalen Effekte herausrechnet, zeigt seit Beginn der Messungen 1993 eine klare, sich beschleunigende Zunahme des mittleren Meeresspiegels. Eine selektive Auswahl einzelner Messstationen widerlegt keine globale, satellitengestützte Langzeitmessreihe.

Behauptung: keine Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs. Fakt: NASA/NOAA-Satellitendaten zeigen klare Beschleunigung

Quelle: NASA Sea Level Change Portal; NOAA Laboratory for Satellite Altimetry


Fazit: Das Scoreboard

Von den zwölf untersuchten Behauptungen hält keine einer unabhängigen, wissenschaftlichen Prüfung stand. Das bedeutet nicht, dass jedes zugrundeliegende Detail erfunden ist – oft stimmt sogar ein Kernfakt (eine Schlagzeile ist echt, eine Studie existiert tatsächlich). Das Problem liegt fast immer in der Interpretation: Einzelphänomene werden zu globalen Trends erklärt, Auslöser mit Verstärkern verwechselt, oder Studien zitiert, die selbst kein ordentliches Peer-Review durchlaufen haben.

BehauptungPortalErgebnis der Prüfung
CO2 nicht HauptursacheEIKEWiderlegt (Auslöser/Verstärker verwechselt)
DOE-„Klimabericht“ 2025EIKEWiderlegt (kein Peer-Review, Fehlzitate)
Windatlas-Studie „zensiert“Tichys EinblickWiderlegt (Methodikfehler, Interessenkonflikte)
Windkraft-Schall-StudieTichys EinblickNicht belastbar (keine Reproduktion)
Dunkelflaute = Blackout-GefahrNiusWiderlegt (Bundesnetzagentur-Daten)
Spanien-Blackout durch ErneuerbareNiusWiderlegt (ENTSO-E-Bericht)
3.100 wachsende GletscherApollo NewsIrreführend (Einzelphänomen)
Waldbrand-„Panikmache“Apollo NewsWiderlegt (Klimawandel als Verstärker)
Alte Hitze-SchlagzeilenBildWiderlegt (Messfehler, Einzelereignis)
„Prognosen völlig falsch“ (RCP8.5)BildIrreführend (Szenario, nicht Erwärmung, zurückgezogen)
Superzellen FrankreichAktuelles EreignisEingeordnet (Attribution ja, Monokausalität nein)
Meeresspiegel ohne BeschleunigungEIKEWiderlegt (NASA/NOAA-Satellitendaten)

12 von 12 Behauptungen halten der wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Das heißt nicht, dass jede Sorge unberechtigt ist – Energiesicherheit, Netzstabilität und Strompreise sind legitime Themen. Aber sie verdienen eine Auseinandersetzung mit echten Daten, nicht mit selektiv ausgewählten Einzelfällen.